Freitag, 7. September 2012

Hostel Life und Orientation Week oder: warum ich froh bin, nie im Internat gewesen zu sein

Die letzte Woche bot ein straffes Programm aus Veranstaltungen zur Orientierung an der Uni. An sich eine sinnvolle Sache für ausländische Studierende, sollte man meinen. Weit gefehlt jedoch, wenn man eine Einführung in das akademische Umfeld hier erwartet.
Stattdessen richtete sich die Orientation weniger an die Austauschstudenten als vielmehr an die 17-18 jährigen Studienanfänger, die in guter sozialistischer Tradition in ihr neues Kollektiv eingeweiht werden sollten. Gemeint ist damit die unmittelbare soziale Umgebung, also das Hostel, in dem alle freshmen (und alle exchange students) wohnen müssen. Auf dem Campus zu wohnen ist zwar einerseits angesichts der angespannten Wohnsituation in Hongkong durchaus lukrativ und praktisch, bietet aber andererseits auch zahlreiche Möglichkeiten der Reglementierung und erzwungenen Vergemeinschaftung. Die Orientation bestand also hauptsächlich aus Aktivitäten, die den team spirit der einzelnen Hostelwohngemeinschaften stärken sollten. Dafür gab es lustige Kennenlernspiele und jede Menge anderer Absurditäten und Lächerlichkeiten. Die insgesamt 6 Hostels auf dem Campus bilden dabei jeweils eine Gruppe, die eine eigene Hymne und eigene T-shirts mit wohlklingenden Sinnsprüchen darauf haben. Die Hymnen werden so lange aus voller Kehle geschrien, bis die lauteste Gruppe gewonnen hat. Das geschieht mehrmals täglich, weswegen ich mich schon nicht mehr wundere, wenn ich wieder einen Haufen lauthals krakeelender freshmen auf dem Unigelände treffe. Die meisten davon sind das erste Mal von zuhause weg und noch sehr kindlich und unbedarft, suchen dementsprechend auch nach Halt und finden diesen hier. So positiv ich es finde, dass die Studenten hier fest in ein soziales Netz eingebettet werden, so skeptisch stehe ich dennoch dieser zwanghaften Gemeinschaft gegenüber. Wenn man einmal ein ganzes Auditorium voller gleichgekleideter Studenten beinahe frenetisch Hymnen singen gehört hat, kann man sich ungefähr vorstellen, in welche Richtung ein solcher 'team spirit' auch gehen kann. Dazu kommt noch, dass ich die Veranstaltungen allesamt nicht ernstnehmen konnte. Bei der offiziellen Begrüßung durch den Präsidenten der Uni kam ich mir vor wie im Kindergarten: nach seiner Rede driftete das Programm in peinliches Kasperletheater zur Bespaßung der Studenten ab, die allesamt in ein tiefes Koma fielen, was aber scheinbar niemanden gestört hat (Chinesen schlafen immern und überall, dazu ein ander Mal mehr). Eine solche Veranstaltung würde sich an einer deutschen Uni niemals, wirklich niemals finden. Beachtlich ist, dass die Studenten das alles freiwillig mitmachen, sogar ohne Alkoholeinfluss.
Als Liberal Arts Universität schreibt man sich hier auch die Förderung von soft skills, sogenanntes outside classroom learning auf die Fahnen. Sprachkurse, Sportangebote, zahlreiche andere Interessensgemeinschaften etc, daran mangelt es hier wirklich nicht. Dahinter schimmert ein hier allgegenwärtiger Gedanke durch, und das ist die ständige Optimierung, Veränderung, Bewegung, Perfektionierung, sei es des Charakters, des Körpers, der Arbeit oder der Freizeit. Die beinahe esoterische Auswertung eines character strength tests wiederholte mantraartig, dass jeder Mensch Stärken habe und diese nutzen soll, um seine Zukunft zu planen und dadurch das ganze Leben und die Karriere zu optimieren. Da die meisten dieser Veranstaltungen sich an die freshmen richteten, fanden sie auf kantonesisch statt, weswegen wir uns nach kurzer Zeit dazu entschlossen, die Zeit besser mit anderen Dingen zu verbringen: Strand, sightseeing, einkaufen - in Hongkong gibts immer genug Möglichkeiten, sich zu amüsieren.
Das hostel als Familienersatz spielt eine enorme Rolle. Die meisten leben die nächsten 3-4 Jahre mit den gleichen Leuten auf engstem Raume zusammen, da ist es schon sinnvoll, sich gut kennen zu lernen. Das bedeutet aber auch, dass hier ständig irgendein Programm abläuft. Man lebt zu zweit in einem Zimmer von nicht einmal 10 m², worunter zwangsläufig die Privatssphäre leidet. Für uns exchange students ist das Hostel-leben eigentlich perfekt, da wir uns um nichts kümmern müssen und auch finanziell Vorteile haben. Dennoch merke ich, wie wenig diese Art des Zusammenlebens meinen Vorstellungen entspricht, und plötzlich verstehe ich genau, wie sich meine ehemaligen Klassenkameradinnen im Internat gefühlt haben müssen. Da aber alle Dinge immer auch eine gute Seite haben, sehe ich das Hostel als Lebenserfahrung und als Möglichkeit, mich in Toleranz und Geduld zu üben und meine Ansprüche zu verringern.

Eines der wenigen Fotos, das ich von dieser Eröffnungsveranstaltung gemacht habe: Es wurde für alle, die im September Geburtstag haben, ein Geburtstagslied gesungen (der Sinn blieb mir verborgen). Nicht einmal, sondern etwa 5 Mal. Fotografiert habe ich es, weil der große Blonde in der Mitte ein Austauschstudent aus Dänemark ist und immer auffällt, weil er über die Masse der Hongkonger herausragt und hier in der Mitte steht wie ein Vater mit vielen kleinen Kindern.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen