Während in Hong Kong die meisten Menschen nur chinesisch und im besten Fall gebrochenes Englisch sprechen, lebt in Macau nach wie vor eine portugiesisch-sprachige Minderheit, die das Stadtbild und den Charakter der Stadt nachhaltig prägen. Das ist besonders im Vergleich zu Hong Kong augenfällig: man fühlt sich eigentlich gar nicht so, als wäre man immer noch an der südchinesischen Küste, sondern vielmehr wie in der Algarve oder in Lissabon. Die Stadt ist natürlich mit ca. 500.000 Einwohnern viel kleiner und auch das trägt zum europäischen Flair jenseits chinesischer Megametropolen bei.
Wir entschieden uns, einen Minibus für 3 Stunden zu mieten, der uns an die schönsten Ecken Macaus brachte und uns so lästigen Fußmarsch ersparte. Ich war skeptisch, denn das entspricht eigentlich nicht meiner Vorstellung davon, eine Stadt zu erkunden, wurde aber von den anderen überstimmt. Und es hat erstaunlich gut geklappt und war wahrscheinlich angesichts unserer völligen Ortsunkenntnis wirklich kein Fehler.
Da in China zwei Feiertage zusammenfielen (Nationalfeiertag und Mid-autum-festival), war naturgemäß die Hölle los, sowohl in Hong Kong als auch in Macau. Beide Städte wurden von Mainland-Chinesen geradezu überrannt, weswegen wir kein Zimmer in einem Hostel oder Hotel mehr finden konnten. Der ständige Fährverkehr zwischen HK und Macau ermöglichte es uns aber, mitten in der Nacht, als wir langsam müde wurden, einfach wieder die nächste Fähre in Richtung temporärer Wahlheimat zu nehmen.
Um ganz ehrlich zu sein, hat es mir in Macau fast besser gefallen als in Hong Kong. Das liegt sicherlich am bereits erwähnten europäischen Flair und der überschaubaren Größe, das das völlig irrationale Gefühl von Heimat in der Fremde aufkommen ließ (obwohl natürlich weder Macau noch Lissabon etwas mit Heimat zu tun haben). Man kann es sich nicht vorstellen, wenn man den Kontrast nicht so extrem erlebt hat wie wir: Straßencafés, kleine Boutiquen, frühneuzeitliche Architektur, jesuitische Kirchen, Kopfsteinpflaster, kaum chinesische Schriftzeichen, Parkanlagen, traditionelle Restaurants mit mediterraner Küche und, und, und.
Eine christliche Kirche hier zu sehen, hat mir wieder einmal verdeutlicht, wie sehr man geprägt ist von den Eindrücken, die man von zuhause kennt. Die Symbolik ist so vertraut, die Bauart ähnelte derer von tausenden Kirchen, die man in Europa an jeder Straßenecke sehen kann. Zu verdanken ist das den Jesuiten, die im 16. und 17. Jahrhundert versuchten, von Macau aus die Chinesen zu missionieren. Die Strategie, die sie unter maßgeblicher Führung des Universalgelehrten Matteo Ricci, dabei verfolgten, nennt sich 'cultural assimilation', was ich ein paar Tage zuvor in einem meiner Kurse an der Uni gelernt hatte. Das bedeutet, dass die Jesuiten erstaunlicherweise sehr behutsam mit den Chinesen umgingen, weil ihnen klar war, dass sie mit Gewalt und Arroganz ihr Anliegen schlecht verwirklichen konnten. Statt dessen versuchten sie, den Konfuzianismus nicht als Religion der Chinesen, sondern als Philosophie darzustellen, die sich mit dem Christentum durchaus vereinbaren ließe, um so den Chinesen das Gefühl zu geben, ihre eigenen Traditionen und Werte nicht aufgeben zu müssen und trotzdem gute Christen sein zu können. Matteo Ricci und andere Jesuiten nach ihm konnten den chinesischen Kaiser durch ihre überdurchschnittliche Bildung und ihre wissenschaftlichen Kenntnisse so beeindrucken, dass sie leitende Positionen am Hof zugewiesen bekamen. Aber wie das bei den Katholiken häufig so ist, haben sie sich diese aussichtsreiche Position selbst zunichte gemacht: der Papst konnte überzeugt werden, dass der Konfuzianismus eine Bedrohung für das Christentum sei und aus heidnischen Bräuchen bestehe, weswegen er so lange gegen die Chinesen wetterte, bis der Kaiser die Europäer des Landes verwies.
Traditionell für das mid-autumn-festival geschmückte Straßen mit europäischer Architektur, eine gelungene Mischung.
Crazy Asians... Chips mit Minestronegeschmack als Inbegriff europäischer Küche, oder was?!
Jakob passt sich an die chinesischen Tischmanieren an, d.h. man schlürft die Nudelsuppe lautstark, denn anders kann man sie mit den Stäbchen auch nicht essen.
Das Wahrzeichen Macaus, die nach einem Brand übrig gebliebene Fassade der Jesuitenkirche São Paulo.
Parkanlage im Kolonialstil, mit den tollen Bäumen, die aussehen, als hätten sie ihren Bart nicht gestutzt. :)
Matteo Ricci
Der Erfolg der Jesuiten hält sich in Grenzen, wie dieser Tempel eindrucksvoll beweist.
Das sind Räucherspiralen. Man sieht es leider nicht, aber jede von ihnen brennt an einem Ende. Sie halten sich ca. 1 Woche.
Mehr tolle Bäume (ficus).
Mal von jesuitischer Missionsgeschichte abgesehen, ist Macau in erster Linie für seine Casinos berühmt. Nach der Rückgabe an China 1999 wurde ein Gesetz erlassen, das das Glücksspiel hier legalisierte, wohingegen es im Rest des Landes untersagt ist. In der Folge kamen viele Investoren und ließen riesige Casinos bauen, die heute einen Großteil der Stadt prägen. Macau hat daher auch den Spitznamen "Las Vegas Asiens", hat Las Vegas aber bezüglich der Größe und Anzahl der Casinos und der hier verkehrenden Geldmengen längst übertrumpft. Selbstverständlich konnten wir uns die einmalige Gelegenheit, ein Casino von innen zu sehen, nicht entgehen lassen und waren schlichtweg völlig überwältigt von dieser fremdartigen Glitzerwelt, die uns im Inneren der schon von außen absolut atemberaubenden Bauten erwartete. Leider ist es nicht erlaubt, Fotos zu machen, aber ein paar habe ich trotzdem geschossen, bis ich von einem nicht wirklich Furcht einflößenden chinesischen Zwerg in Uniform genötigt wurde, das zu unterlassen.
Das Galaxy Macau von außen. Leider sind die Fotos nicht von mir, sondern von google, aber der Anblick ist einfach einmalig, bei Tag und bei Nacht.
Oben das "Grand Lisboa", unten das Venetian.
Auf der Toilette des "Venetian".
Mehr Bilder aus dem "Venetian".
(Von den Spieltischen konnte ich natürlich keine Fotos machen.)
Wie sich herausstellte, sind sowohl Essen als auch (v.a. alkoholische) Getränke in Casinos sehr erschwinglich, wohl um die Besucher zum Spielen zu animieren. Wir genossen also im "Galaxy" beste Versorgung mit einer grandiosen Bühnenshow: Zuerst leichtbekleidete Damen und Herren, danach ein Brunnen, der sich bewegende Fontänen hatte und, von einer Lichtshow und fulminanter Musik begleitet, einen riesigen Diamanten aufsteigen und wieder verschwinden ließ. Ich hätte mir nicht erträumen lassen, sowas einmal zu sehen. Eigentlich hätte ich ein Video machen sollen.
Die Metamorphosen des Springbrunnens: erst normale Fontänen, dann taucht plötzlich der Diamant auf, dreht sich, funkelt in unterschiedlichen Farben, begleitet von theatralischer Musik und...
...ist plötzlich wieder weg, als wäre er nie da gewesen.
Zum Schluss noch ein paar Bilder von meiner tollen Begleitung auf diesem Trip: Mathias und Christian aus Dänemark, Moises aus Kanada, Chris aus England und Jakob.




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